

Wer ist das Christkind?
Ein Engel statt eines alten Mannes
In weiten Teilen Süddeutschlands, Österreichs und der katholisch geprägten Schweiz bringt nicht der Weihnachtsmann die Geschenke, sondern das Christkind: eine engelhafte, meist blond gelockte Gestalt mit Flügeln und einem goldenen Gewand. Anders als der bärtige Weihnachtsmann ist das Christkind unsichtbar. Es klingelt kurz, und wenn die Kinder ins Zimmer kommen, sind die Geschenke bereits unter dem Baum, der Bote selbst aber längst verschwunden.
Eine Erfindung Martin Luthers
Die Figur geht auf Martin Luther zurück, der im 16. Jahrhundert versuchte, die Verehrung des katholischen Heiligen Nikolaus durch eine christuszentrierte Gestalt zu ersetzen. Ironischerweise hat sich das Christkind vor allem in katholischen Regionen durchgesetzt, während im protestantischen Norden Deutschlands heute eher der Weihnachtsmann dominiert.
Der Nürnberger Christkindlesmarkt
Nirgendwo ist das Christkind präsenter als in Nürnberg, wo jedes Jahr eine junge Frau zur "Christkindl" gewählt wird und den berühmten Christkindlesmarkt eröffnet, einen der ältesten und bekanntesten Weihnachtsmärkte Deutschlands. Für viele Familien in Bayern, Österreich und der Schweiz bleibt das Christkind bis heute die zentrale Figur des Heiligabends.
Woher der Name wirklich kommt
"Christkind" setzt sich sprachlich aus "Christ" und "Kind" zusammen und bezeichnete ursprünglich schlicht das neugeborene Jesuskind in der Krippe, nicht die spätere Gabenbringerfigur. Bereits bei Luther selbst findet sich der Begriff in einem Zitat aus seinen Schriften: "Gleichwie man die kindlin gewenet, das sie fasten und beten und jr kleiderlin des nachtes ausbreiten, das jn das Christkindlin odder Sanct Nicolas bescheren sol." Manche Weihnachtsforscher sehen Luther deshalb als eigentlichen "Erfinder" des Christkinds, auch wenn diese These unter Historikern nicht unumstritten ist. Sicher ist: Ab etwa 1531 wurde in Luthers eigener Familie bereits mit dem "Heiligen Christ" statt mit dem heiligen Nikolaus beschert, und die Bescherung selbst verschob sich in der Folge vom 6. Dezember auf den Heiligabend.
Wie das Christkind zu seinem bis heute typischen Aussehen kam – blondgelockt, geflügelt, in weißem oder goldenem Gewand – ist nicht abschließend geklärt. Eine verbreitete Theorie verbindet die Figur mit dem Fest der heiligen Lucia am 13. Dezember, an dem in nordischen Ländern bis heute junge Mädchen weiße Gewänder und einen Lichterkranz im Haar tragen, ein Bild, das dem klassischen Christkind auffällig ähnelt. Weihnachtsforscher wie Professor Manfred Becker-Huberti gehen zudem davon aus, dass das Christkind eigentlich geschlechtslos ist, da es ja niemand je gesehen hat und daher niemand mit Sicherheit sagen kann, ob es sich um einen Jungen oder ein Mädchen handelt.
Christkind, Weihnachtsmann und Nikolaus im Vergleich
Figur
Besuchstermin
Ursprung
Hauptregionen
Charakter
Christkind
24. Dezember, Heiligabend
Reformation, 16. Jahrhundert (Martin Luther)
Bayern, Österreich, Schweiz, Südwestdeutschland
Engelhaft, unsichtbar, geschlechtsneutral
Nikolaus
6. Dezember
Historischer Bischof von Myra, 4. Jahrhundert
Gesamter deutschsprachiger Raum
Bischöflich, belohnt artige Kinder persönlich
Weihnachtsmann
24. Dezember, Heiligabend
19. Jahrhundert, popularisiert durch Coca-Cola 1931/1932
Nord- und Ostdeutschland
Säkular, kommerziell, sichtbar
Eine Untersuchung der österreichischen Presseagentur APA aus dem Jahr 2017, die auf tatsächlichem Verhalten in sozialen Netzwerken statt auf reinen Umfragewerten basierte, sowie spätere Erhebungen bestätigten das bis heute gültige Bild: Rund 45 Prozent der Deutschen ordnen ihrer Familie den Weihnachtsmann als Gabenbringer zu, etwa 39 Prozent das Christkind, wobei sich beide Lager je nach Region und Konfession deutlich verschieben.
Wo Kinder dem Christkind wirklich schreiben können
Die Deutsche Post betreibt bis heute eigene Weihnachtspostämter in Orten mit besonders passenden Namen: Engelskirchen, Himmelpforten und Himmelstadt. Kinder, die dorthin einen Wunschzettel ans Christkind schicken, erhalten tatsächlich eine Antwort. In Österreich übernimmt diese Aufgabe seit den 1950er-Jahren der oberösterreichische Ort Christkindl bei Steyr, der seinen Namen einer angeblich wundertätigen Wachsstatue des Christkinds in der örtlichen Kirche verdankt und heute jährlich zehntausende Briefe aus aller Welt bearbeitet.
Das Christkind über Deutschland hinaus
Was viele nicht wissen: Das Christkind ist keineswegs auf den deutschsprachigen Raum beschränkt. Unter anderen Namen existiert dieselbe Grundidee eines kindlich-göttlichen Gabenbringers in weiten Teilen Mittel- und Osteuropas sowie in Lateinamerika. In Tschechien heißt die Figur Ježíšek, in der Slowakei Ježiško, in Ungarn Jézuska, in Kroatien Isusek und in weiten Teilen Lateinamerikas Niño Dios oder Niño Jesús – alle bedeuten wörtlich "Christkind" oder "Jesuskind" in der jeweiligen Landessprache. Auch im polnischen Oberschlesien, in Teilen des Elsass, in Slowenien, Liechtenstein, Luxemburg und sogar in der Region Acadiana im US-Bundesstaat Louisiana hat sich die Tradition über Auswanderer bis heute erhalten, was das Christkind zu einer der geografisch am weitesten verbreiteten, aber gleichzeitig am wenigsten bekannten Weihnachtsfiguren weltweit macht.
Diese internationale Verbreitung erklärt sich vor allem durch Auswanderungsbewegungen: Deutschsprachige und österreichisch-ungarische Siedler brachten die Christkind-Tradition im 18. und 19. Jahrhundert mit nach Südamerika, insbesondere nach Südbrasilien und in Teile Argentiniens, wo sie bis heute unter Nachfahren deutscher und österreichischer Einwanderer lebendig geblieben ist.
Weitere häufig gestellte Fragen zum Christkind
Warum wird das Christkind manchmal als Mädchen dargestellt? Auf Weihnachtsmärkten und Grußkarten wird das Christkind oft von einem Mädchen in weißem Gewand verkörpert, was Reinheit und Unschuld symbolisieren soll, obwohl die Figur theologisch als geschlechtslos gilt.
Ist der Begriff "Christkind" auch für Menschen gebräuchlich? Ja, im Volksmund werden Kinder, die am 24. oder 25. Dezember geboren werden, umgangssprachlich manchmal selbst als "Christkind" bezeichnet.
Das Christkind im Wettstreit mit dem Weihnachtsmann
In den letzten Jahrzehnten hat der amerikanisch geprägte Weihnachtsmann zunehmend auch in traditionell christkindzentrierten Regionen an Boden gewonnen, vor allem durch Werbung, Filme und internationale Medien. Umfragen in Bayern und Österreich zeigen jedoch, dass ein bedeutender Teil der Bevölkerung weiterhin bewusst am Christkind festhält, oft als Ausdruck regionaler und religiöser Identität gegenüber einer als zu kommerziell empfundenen Weihnachtsmann-Figur.
Manche Familien lösen den Konflikt pragmatisch: Kinder werden gefragt, ob sie an das Christkind oder den Weihnachtsmann glauben, und die Antwort bestimmt, wie das jeweilige Elternteil den Heiligabend gestaltet. In gemischten Familien, etwa mit norddeutschen und bayerischen Wurzeln, kommt es nicht selten vor, dass beide Figuren nebeneinander existieren.
Häufig gestellte Fragen zum Christkind
Sieht man das Christkind jemals? Nein, das Christkind bleibt per Definition unsichtbar; es klingelt lediglich, bevor die Geschenke unter dem Baum entdeckt werden.
Ist das Christkind ein religiöses Symbol? Ursprünglich ja, es sollte an die Geburt Christi erinnern, wird heute aber von vielen Familien eher als kulturelle denn als streng religiöse Tradition verstanden. https://santaclaus.top/wer-ist-das-christkind/
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